TRAUER MACHT SEHEND

Du bist nicht mehr da - und ich liebe dich mehr denn je.

Ich schaue auf dein Grab, in meinen Tränen bricht sich das Licht und lässt dich schöner und kostbarer erscheinen als jemals zuvor, mein Glück, mein Licht, mein Leben.

Verliebtheit mache blind, heisst es. Die Trauer jedenfalls macht sehend.

Und ich sehe, was du mir bedeutest, und ich sehe deine Fülle, deine Weite, deinen ganzen Reichtum und all das, was mir jetzt so sehr fehlt.

Meine Traurigkeit ist die Folge meiner Liebe, sie zeigt mir selbst und allen, die es wissen wollen, wie tief ich geliebt habe. Sie zeigt auch dem verstorbenen Menschen: Schau, wie weit meine Liebe zu dir geht, und wie der Tod sich an ihr die Zähne ausbeisst.

Die Trauer hat alles, was die Liebe auch hat: Grösse, Klarheit, Schönheit. Trauer ist wie die Liebe: Goldwert.

Trotzdem verstecke ich die eigene Trauer, als wäre sie schändlich, oder ich meide die Trauer der anderen, als wäre sie ansteckend.

Die Trauer darf  vergehen. Sie soll heilen wie eine Wunde. Und wenn die Wunde verheilt ist, macht die Liebe nicht mehr weh. Dann ist die Liebe wieder heil und ganz und unverbrüchlich.