MEIN SCHWERES LOS

 

Mein schweres Los lässt sich nicht teilen wie Brot und in die Freundesrunde spendieren. Meine Seelennot ist nicht auftrennbar. Das Unglück hat mich wie der Blitz getroffen, mich wie mit einem Leuchtstift aus der Gemeinschaft hervorgestrichen. Und die Menschen haben mich umarmt, mir geschrieben, mich wissen lassen, sie würden mein Leid teilen.Nach einer Weile bin ich zurückgetreten in den Schatten. Und neue Tage sind angebrochen. Die Erde dreht sich weiter, als wäre alles in der alten Ordnung geblieben. Dieselben Klamaukgesichter im Fernsehen, dieselben Gutelaune-Stimmen am Radio, Werbung für Hautsalben und Waschmittel, das Leserbriefgezänk wegen des neuen Strassenbelags für die Fussgängerzone. Und in der Fussgängerzone die Einkaufsbummlerinnen, die gemütlichen Kaffeetrinker, die lausigen Akkordeonspieler, die Liebespaare und die Kinderwagen.

Wo aber verstecken sich all die Hinterbliebenen? – Man sieht und hört von ihnen nichts. Herzblut und Tränenwasser fliessen in Strömen über Kinoleinwände und Schauspielbühnenränder, aber die öffentlichen Plätze und Gehsteige bleiben trocken. In den Auslagen der Politik- und Showgeschäfte posieren keine Trauernden. Als würden wir alle in Sonderkasten verstaut, auf Inseln verbannt.

In Wahrheit sind wir überall. Nur eben schwer zu finden. Wir hocken still und vereinzelt vor Kulissen, die unseren Wohn- und Schlafzimmern aufs Detail nachgebaut sind, kauen hartes Brot und  tappen im Dunkeln über unser Unglück.